Geschichte/Repertoire

Repertoire | Konzertreisen

Geschichte des Chores
„Die Liebe dieses Chors zur Musik, die er pflegt, ist echt und aufrichtig.“
(Prof. Eliyahu Schleifer, Jerusalem, Leipziger Volkszeitung, 31. März 2010)

Die jüdische sakrale Musiktradition zu pflegen und einem größeren Hörerkreis zu erschließen, war das Ziel von Oberkantor Werner Sander, als er den Leipziger Synagogalchor 1962 gründete. Im Mai 1963 fand das erste Konzert in Dresden statt. Vermittelt durch die Konzert- und Gastspieldirektion Leipzig sang der Chor in Halle, Erfurt, Karl-Marx-Stadt, Dresden, Berlin und Leipzig. Auch in Jüdischen Gemeinden war der Chor zu Gast. Nach der Erweiterung des Chorrepertoires um jüdische Folklore erschien 1965 die erste LP ‘Meisterwerke der Synagoge und das jüdische Volkslied’, die in die BRD und die USA übernommen wurde. Für den Berliner Rundfunk gestaltete der Chor eine Reihe von Sabbatfeiern.

Nach Sanders Tod im Juli 1972 wurde der Tenor Helmut Klotz, der bereits als Solist mit dem Chor aufgetreten war, zum künstlerischen Leiter berufen. Er übernahm nun die Rolle des jüdischen Kantors und sang die Tenorsoli aus dem Dirigat heraus. Unter seiner Leitung entwickelte sich das Ensemble zu einem semi-professionellen Konzertchor mit hohem künstlerischen Anspruch, der eng mit anerkannten Solisten und Orchestern zusammenarbeitet. Seit April 2012 wird die künstlerische Leitung des Leipziger Synagogalchores durch Ludwig Böhme fortgeführt.

Die zunehmende Konzerttätigkeit im In- und Ausland war Ausdruck für die wachsende Wertschätzung der künstlerischen Arbeit des Ensembles, das bei zahlreichen protokollarisch bedeutsamen Veranstaltungen wie dem Gedenkkonzert für Yitzhak Rabin 1996 in Berlin und dem Konzert in der Dresdner Frauenkirche im Rahmen der Eröffnungsfeierlichkeiten 2006 mitwirkte. Seit 1980 gestaltet der Chor den ökumenischen Gottesdienst in der Leipziger Thomaskirche zum Gedenken an die Opfer der Reichspogromnacht vom 9. November 1938 mit.

Bis zur deutschen Wiedervereinigung war der Verband der Jüdischen Gemeinden in der DDR der Träger des Chores; zur Unterstützung des Ensembles erhielt er Fördermittel aus dem Kulturfonds der DDR. Seit 1991 ist der Leipziger Synagogalchor ein eingetragener, gemeinnütziger Verein und wird institutionell vom Kulturamt der Stadt Leipzig gefördert.

Dem (seit 1990 ehrenamtlichen) Engagement und besonderen Idealismus der etwa 30 Sängerinnen und Sänger aus unterschiedlichen Berufsgruppen ist ein Großteil des Erfolgs zu verdanken. Der Chor wurde mit zahlreichen Auszeichnungen – u. a. 1981 mit dem Kunstpreis der Stadt Leipzig und 1988 mit dem Stern der Völkerfreundschaft in Gold, einer der höchsten staatlichen Anerkennungen in der DDR – geehrt. 2017 erhielt das Ensemble den Sonderpreis für herausragende Leistungen der Obermayer German Jewish History Awards.

Das Repertoire
„Gefühlvolle Gesänge, festliche Synagogenmusik sowie temperamentvolle jiddische und hebräische Folklore“ (Die Welt, 1. April 1996)

Der jüdische Gottesdienst war traditionell geprägt vom Wechselgesang des Kantors und der Gemeinde. Im 19. Jahrhundert brachten Reformen erstmals Männer- und später auch gemischte Chöre in die Synagogen Deutschlands und Mitteleuropas. Ab 1810 wurden zudem Orgeln in jüdische Gotteshäuser gebaut, deren liturgische Musik bis in die 1930er-Jahre eine große Blüte erlebte. Komponisten wie Louis Lewandowski oder Salomon Sulzer, die als Kantoren in reformierten Gemeinden in Berlin bzw. Wien wirkten, prägten mit ihren Kompositionen eine Musiktradition, die mit der Machtergreifung der Nazis vernichtet wurde und die auch in der heutigen jüdischen Welt kaum eine Rolle mehr spielt.

Der Leipziger Synagogalchor widmet sich der Aufführung dieser synagogalen Chormusik insbesondere des 19. und frühen 20. Jahrhunderts: Neben Lewandowskis und Sulzers Werken stehen Kompositionen z. B. von Samuel Naumbourg, Samuel Lampel, Abraham Dunajewski, David Nowakowski oder Heinrich Schalit auf dem Programm. Aber auch Werke der Renaissance, z. B. von Salamone Rossi, gehören zum festen Repertoire. Die hebräischen Texte sind Psalmen und Gebete sowie religiöse Texte aus dem Talmud. Mit seiner Interpretation bewahrt der Leipziger Synagogalchor die alte aschkenasische Aussprache des Hebräischen, wie sie in deutschen Synagogen vor dem Holocaust gebräuchlich war, während das moderne Hebräisch in Israel heute von der sephardischen Aussprache geprägt ist.

Entsprechend jüdischer Tradition und synagogaler Praxis werden die Kompositionen überwiegend im Wechselgesang zwischen Kantor und Chor a cappella oder mit Orgel- bzw. Klavierbegleitung aufgeführt.

Das weltliche Repertoire umfasst jiddisches und hebräisches Liedgut, meist in eigens für den Leipziger Synagogalchor geschriebenen Bearbeitungen z. B. von Werner Sander, Friedbert Groß, Joseph Dorfman, Bonia Shur, Juan Garcia, Fredo Jung, Philip Lawson und Ludwig Böhme. Die Arrangeure haben die Lieder durch einen virtuosen Klavierpart oder kammermusikalische Instrumentalfassungen für die Interpretation im Konzertsaal bereichert; Gesangssolisten übernehmen die Rolle des Erzählers.

Das so breit gefächerte Repertoire erlaubt eine variable Programmgestaltung, die den jeweiligen Auftrittsorten – große und kleine Konzertsäle, Synagogen oder Kirchen – und Anlässen angemessen ist.

Mit musikalisch-literarischen Veranstaltungen, Gemeinschaftsprojekten und genreübergreifenden Konzerten setzt das Ensemble besondere Akzente. Herausragende Unternehmen waren z. B. die Mitwirkung an der Opernproduktion „Weg der Verheißung“ von Kurt Weill (1999/2000) und an der Tanzperformance „Der Dybbuk“ von Anna Natt (2014/2015), die Wiederaufführung eines Leipziger Synagogenkonzerts von 1926 zusammen mit dem Kammerchor Josquin des Préz (2015), die Mitwirkung an der Uraufführung der Sinfonie “Ubi caritas” von Henryk Jan Botor während des Internationalen Musikfestivals “Pax et bonum per musicam” in Wroclaw (2016) sowie die „Klassik-Klezmer“-Fusion mit dem Ensemble Rozhinkes (2017).

Konzertreisen
„Das ganz Besondere an diesem Shabbat-Gottesdienst war für mich natürlich der Chor von Nicht-Juden aus Leipzig, der die alten Gesänge, so wie ich sie noch aus meiner Jugend in Deutschland kenne, zu Gehör gebracht hat.“ (Prof. Schalom Ben-Chorin, Jerusalem 1993)

Konzertreisen ins Ausland gehören seit den 1970er-Jahren und verstärkt seit der Wiedervereinigung 1990 zu den wichtigen Aktivitäten des Leipziger Synagogalchores. Sie zeugen von der nationalen und internationalen Ausstrahlung und der Botschafterfunktion des Ensembles.

1975 und 1976 sang der Leipziger Synagogalchor in Prag und Brno. Von 1983 an reiste das Ensemble fast jährlich nach Polen. Der Chor war in den Synagogen von Warszawa und Wroclaw ebenso zu Gast wie in den Kathedralen von Opole und Katowice. Die Auftritte in Lublin und Oswiecim, wo der Chor in den ehemaligen Konzentrationslagern Majdanek und Auschwitz Blumen niederlegte, hinterließen tiefe Eindrücke.

Die erste Konzertreise ins westliche Ausland unternahm eine Delegation von acht Sängern nebst Chorleiter und Pianist 1985 nach Paris. Ab 1986 durften fast alle Sänger des Chores als „Reisekader“ der DDR in nichtsozialistische Länder reisen. Erste Auftritte in der BRD fanden 1988 in Duisburg, Hannover und Hildesheim statt.

Seit den 1990er-Jahren gab der Chor zahlreiche Konzerte in ganz Deutschland. Wichtige Stationen waren neben vielen jüdischen und nichtjüdischen Festivals und Kulturtagen z. B. Konzerte in der Dresdner Frauenkirche (2006), im Kölner Dom (2008), auf der Biennale „Musik der Synagogen“ im Ruhrgebiet (2008 und 2010), beim interreligiösen Festival “Musica Sacra International” im Allgäu (2014), beim internationalen Louis-Lewandowski-Festival in Berlin (2013 und 2016) und in der Stiftskirche Stuttgart (2016).

Auslandsreisen führten neben Polen u. a. nach Odessa (1993), in die USA (1994), nach Spanien und Portugal (1996), Südafrika (1998), Brasilien (2005), Schweden (2009), Brno (2013), London (2015). Ehre und Herausforderung zugleich war die Mitwirkung an der internationalen Opernproduktion „Der Weg der Verheißung“ von Kurt Weill mit Vorstellungen in Chemnitz (1999) und einer einwöchigen Gastspielreise nach New York (2000). In Israel gastierte der Leipziger Synagogalchor 1993 und 2010. Als Zeichen der Versöhnung war es dem Ensemble 2010 durch einen Knesset-Beschluss gestattet, in der Synagoge der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem zu singen.