Aus goldenen Ländern. CD und Konzert des Leipziger Synagogalchors

“Lidl fun goldenem land” hat Ludwig Böhmes Leipziger Synagogalchor seine neue CD genannt … Und es ist groß, dieses goldene Land, so groß wie unsere Vorstellungskraft, so groß wie die kleinen Lieder, die es hier besingen. … Sie handeln von der Poesie. Sie tun es mal melancholisch, mal naseweis, mal ausgelassen, manchmal auch verzweifelt. Sie tun es in wunderbaren Melodien, die von ferne noch immer vertraut scheinen, und in erstklassigen Arrangements von Ludwig Böhme, Fredo Jung, Werner Sander und anderen. Sie sind ein Schatz, diese 14 Lieder vom goldenen Land, sinnlich und farbig gesungen vom Synagogalchor und den Solisten …, mal quirlig, mal schwelgerisch, mal verträumt begleitet … Und sie sind Vermächtnis – weil die Welt nicht mehr ist, in der diese goldenen Länder erträumt wurden. … Um so lauterer und musikalisch überzeugender ist der musikalische Ansatz Ludwig Böhmes: Er lässt die Lidln fun goldenem land aus sich selbst heraus wirken, lässt ihnen ihren Witz und ihren Charme, ihre Zartheit und ihren Optimismus, ihre Zärtlichkeit und ihre Schönheit. Die Tragik mengt sich erst beim Hören darunter – weil diese wundersam schöne Musik ganz von alleine ins Herz findet …” (Peter Korfmacher, Leipziger Volkszeitung, 16.12.2016)

Leipziger Synagogalchor bietet in Haller Michaelskirche Musikgenuss

Psalmvertonungen, Musik für den jüdischen Gottesdienst und jiddische Lieder: Der Leipziger Synagogalchor gibt bei einem Konzert in der Michaelskirche in Schwäbisch Hall Einblicke in die jüdische Vokalmusik.
Auf der Empore beginnen die etwa 30 Sänger des Leipziger Synagogalchores ihr mit “Töne des Lebens” betiteltes Konzert. Der Chor stimmt Synagogengesänge an, die an manchen Stellen von Clemens Posselt auf der Orgel begleitet werden. Chorleiter ist Ludwig Böhme, der vor allem als Mitglied des Calmus-Vokal-Ensembles bekannt ist.
Heinrich Schalits “Ma towu” zeichnet sich durch hymnische Klänge aus. “Wie schön sind deine Zelte, Jakob, deine Wohnungen Israel”, so die Übersetzung des hebräischen Textbeginns, erklingt kraftvoll. Das Altsolo von Susanne Langner Continue reading

Kastagnetten-Dämon

“Der Dybbuk” kreuzt Totentanz mit Flamenco

Der Dybbuk geht um, dreht euch nicht um: Bei der vergangenen Euro-Szene zeigte Anna Natt ihre in Koproduktion mit dem Schauspiel Leipzig entstandene Heimsuchung als Nosferata mit Kastagnetten. … Die schräge Idee hat zu einem spannenden Hybriden geführt, auch, weil es die meiste Zeit um Flamenco gar nicht geht. Im Zentrum steht zunächst die Musik: Der Leipziger Synagogalchor erfüllte die ausgediente Industriehalle der Residenz mit vielstimmiger jiddischer Folklore. Wie Beschwörungen wirkt der unter die Haut gehende Gesang und vorn auf der Bühne erliegt ein Körper diesen Einflüsterungen. Erst starr steht Anna Natt im weißen Kleid da. Dann öffnet sich zunächst der Mund, langsam tasten sich die Hände durchs Gesicht, dann wird der ganze Körper in Fingerschein genommen. Der Leib erwacht zum Leben. So nimmt der Geist allmählich vom fremden Körper Besitz, entdeckt auf dem Boden hockend sein Rhythmusgefühl und tritt schließlich mit dem Chor in musikalisch-tänzerische Korrespondenz. Dezent nur flammt hier Flamenco auf, vieles ist nur gestisches Zitat und diese Geisterstunde kann ihre gespenstische Aura afs Intensivste aufrechterhalten. (Kreuzer Leipzig, Juli 2015, Tobias Prüwer)

Kraftvoller Gesamtklang

“Klänge aus Leipzigs Tempel” mit dem Synagogalchor und dem Kammerchor Josquin des Préz

… Die Programmankündigung für ein “Synagogenkonzert zum Besten der Wohlfahrtspflege innerhalb der Israelitischen Religionsgemeinde” am 14. März 1926, vormittags 11 Uhr … diente … als Vorlage für eine Rekonstruktion, die … unter der Leitung von Ludwig Böhme … in der sehr gut gefüllten Thomaskirche zu erleben war. … So wunderbar wie das ganze Konzert sind auch die Interpreten: Der großartige Geiger Henrik Hochschild und der einfühlsame Organist Ulrich Vogel tragen zu dem eindrucksvollen Abend ebenso bei wie die Sopranistin Anja Pöche und die Altistin Susanne Langner, die ihre Parts innig füllen und mit großen Stimmen gestalten.
Die beiden Vokalensembles offenbaren schon in Rossis Motetten … ihre Stärken: Stilsichere Wandlungsfähigkeit zeichnet den Kammerchor Josquin des Préz aus, der filigran gewebte oder breit gestrichene Klänge aus dem Altarraum in das Gotteshaus schickt, während der Leipziger Synagogalchor von dort einen nuancenreich gearbeiteten, kraftvollen Gesamtklang strahlen lässt. Und wenn sich beide Ensembles wie in Lewandowskis “Ma towu” mit dem Kantor Amnon Seelig auf der Chorempore vereinen, dann sind Innehalten, Genuss und Verzückung ganz nah beieinander im Publikum.
Eine wunderbare Entdeckung ist auch die klangprächtige, facettenreiche Psalm-Vertonung “Tauw l’haudauß” für Kantor, Chor und Orgel von Samuel Lampel. Da ist es besonders erfreulich, dass der zugegeben Segen nach dem lang anhaltenden, begeisterten Schlussbeifall ebenfalls aus der Feder des damaligen “Tempel”-Kantors Lampel stammt. … (LVZ, 9. März 2015, Birgit Hendrich)

 

Mitten ins Herz

“Soll mein Sorgen ewig dauern …?” Wieder und wieder unterbricht Ludwig Böhme den Gesang. “Die Tenöre können bisschen leiser starten. Weich reinkommen”, sagt der Chorleiter, um wenig später zu betonen: “Das ist die lauteste Stelle. Sopran, Bass, Alt müssen parallel erklingen. Gemeinsame Atmung macht gemeinsamen Einsatz!” Geduldig erklärt der 35-Jährige, was er hören will. Dann gibt der Ex-Thomaner, Sänger und Dirigent selbst ein paar Klänge zum Besten, begleitet am Klavier. Als dann alle Stimmen hauchen “… nimmermehr”, lobt er begeistert: “Geiler Klang!”
Der Synagogalchor Leipzig probt im Ariowitschhaus – an diesem Abend mit dem Kammerchor Josquin des Préz für das Konzert “Klänge aus Leipzigs Tempel” am 7. März in der Thomaskirche. … “Jetzt bin ich mir sicher, dass das Konzert die Leute glücklich macht!”.
Ja, der Synagogalchor singt sich mitten ins Herz. Wer ihn hört, ist berührt, bewegt. Dieses Mysterium vermögen selbst die 30 Sängerinnen und Sänger nicht zu erklären. Vielelicht sind es die fremden, unverständlichen Worte, die sie selbst erst in Umschrift vom Notenblatt lesen. Vielleicht sind es die Rhythmen, die Liebe und Leid, Trauer und Freude vermitteln. Vielleicht ist es aber auch das Anliegen der Choristen schlechthin: “Wir sind ein Ensemble nichtjüdischer Menschen, das das jüdische Erbe, das ausgelöscht werden sollte, pflegen und verbreiten wollen”, sagt Reinhard Riedel. … (LVZ, 4. März 2015, Cornelia Lachmann)

Jiddische Geisterstunde mit Flamenco

Der Dybbuk ist in der jüdischen Kultur eine Art Totengeist, der von lebenden Besitz ergreifen kann. Eine solche Erscheinung beschwört die Berliner Flamenco-Künstlerin Anna Natt in ihrer Performance “Der Dybbuk or Dolores it’s time to hang up the Castanets” herauf, die am Mittwoch im Rahmen der euro-scene Premiere im Residenzprogramm des Leipziger Schauspiels hatte.
Geist und Körper, Tanz und Bewegung, wo beginnt das alles? Anna Natt … setzt gleichzeitig auf Minimalismus und Opulenz und gräbt dabei in zwei Schätzen der Volkskunde: dem Flamenco und dem Jiddischen. Sie steht im weißen Kleid auf der Bühne, langsam, sehr langsam öffnet sich der Mund und die Hände beginnen mit der Entdeckung des Körpers … Der Impuls kommt von außen, die Hände arbeiten sich voran, getrennt vom Willen, doch der Biomechanik folgend. … Gegen Ende wandelt sie als besessene Geist-Tänzerin in den Tiefen des Raumes …
Zu all dem singt der Leipziger Synagogalchor, der vom hinteren Teil der Residenz-Bühne, lediglich am Klavier und einmal von einer Violine begleitet, genau jenen Resonanzraum schafft, der Natts Performance auffängt und verortet. Die jiddischen Lieder mit ihrem klar durchklingenden Volksliedcharakter, aber zugleich vierstimmigen Arrangements und Soli von Anja Pöche und Falk Hoffmann, schaffen die Erinnerung an den Ritus, der Natts Treiben innewohnt.
Zunächst agieren beide Kunstformen in stoischer Unverbundenheit doch gleichzeitig in ständigem Dialog, und im fulminanten Ende, wenn ein Paar Kastagnetten von der Decke schweben, schaffen sie eine ungedachte Fusion von jiddischem Flamenco. Ein fulminanter Abend, der Grenzen in viele Richtungen überschreitet, ohne sich zu verlieren, sondern darin etwas Neues und Aufregendes schafft. (LVZ, 7. November 2014, Torsten Ibs)

10. Juni 2014 “Faszinierend reiche Klangkultur”

Marktoberdorf. Zu einem bewegenden Fest sakraler Vokalmusik wurde das Konzert in der vollbesetzten Pfarrkirche St. Martin. … Allein schon die jüdischen Kantorengesänge  des Synagogalchors Leipzig auf der Orgelempore versetzten die Zuhörer in Trance. So zeitlos schön und meditativ erhaben erklangen die hebräischen Psalmenvertonungen im Wechselgesang von Solist und traditionsreichem Chor unter Leitung von Ludwig Böhme. Falk Hoffmann entfaltete zu Stefan Kießlings zart angetupftem Orgelspiel wunderbar eindringliche Gesangslinien. Sein Tenor changierte mit klagender Innigkeit zwischen Oper und Oratorium bei Carlo Grossis “Cantata ebraica” sowie den Stücken von Samuel Lampel oder Louis Lewandowski …

Gabriele Schroth, Allgäuer Zeitung – Marktoberdorf

30. Januar 2014 “Leipziger Synagogalchor begeistert in Osnabrück”

Osnabrück. Der bekannte Leipziger Synagogalchor gab ein beeindruckendes Konzert zum Holocaust-Gedenktag am Montag in St. Katharinen. Er begeisterte das Publikum mit einer besonderen Form der Erinnerungskultur. Wie nahe sich die jüdische und die christliche Kultur sind, zeigte das Gedenkkonzert „Der Herr ist mein Hirte“ des Leipziger Synagogalchors, der auf Einladung des Orgelbauvereins der Friedensorgel und der Gemeinde St. Katharinen in der Kirche auftrat. Continue reading

23. Dezember 2013 “Gänsehaut in der Rykestraße”

Mit einem großen Abschlusskonzert ist das Louis-Lewandowski-Festival zu Ende gegangen. … Den Anfang machte der Leipziger Synagogalchor mit “Ki Lekach Tow” des Musikers Samuel Lampel (1884–1942). Festivaldirektor Nils Busch-Petersen war davon sehr berührt. “Ich dachte immer, ich müsste bei der Musik von Sulzer schluchzen.” Der Leipziger Chor allerding ging ihm so nahe, dass er ihn mit einem aufrichtigen “Danke, Leipzig” verabschiedete. Das Festival, das drei Tage dauerte und mit Konzerten an verschiedenen Orten in Berlin präsent war, hat “ein überwältigendes Echo bekommen”, sagte Busch-Petersen der Jüdischen Allgemeinen. Die etwa 2500 bis 3000 Besucher hätten das “hohe kulturelle Niveau gelobt”. Und auch die Stimmung bei den Chören, die unter anderem aus Polen, Israel und Großbritannien nach Berlin gekommen waren, sei sehr familiär gewesen, betont Busch-Petersen. Noch Stunden nach dem Ende des Abschlusskonzerts saßen die Chöre auf den Treppen im Foyer der Synagoge und sangen.

Katrin Richter, Jüdische Allgemeine

18. November 2013 “Tief beeindruckende Klänge”

Wolfenbüttel. Der Leipziger Synagogalchor gastierte in der St.-Trinitatis-Kirche. Musik als Geschenk Gottes – von diesem Verständnis ist der Gemeindegesang in der Synagoge durchdrungen. Ludwig Böhme, künstlerischer Leiter des Leipziger Synagogalchores, beließ es nicht bei bloßen Erklärungen. Beim Konzert seines Chores in St. Trinitatis konnten sich 150 Zuhörer von der Ausdruckskraft der rituellen Gesänge, mehrheitlich komponiert im 19. Jahrhundert, überzeugen. Fast zu schön für unser Verständnis sakraler Musik? Nein, aber inniger, emotionaler, ja, mitreißender als das, was lutherische Strenge im Gottesdienst erlaubt. Continue reading