Mitten ins Herz

“Soll mein Sorgen ewig dauern …?” Wieder und wieder unterbricht Ludwig Böhme den Gesang. “Die Tenöre können bisschen leiser starten. Weich reinkommen”, sagt der Chorleiter, um wenig später zu betonen: “Das ist die lauteste Stelle. Sopran, Bass, Alt müssen parallel erklingen. Gemeinsame Atmung macht gemeinsamen Einsatz!” Geduldig erklärt der 35-Jährige, was er hören will. Dann gibt der Ex-Thomaner, Sänger und Dirigent selbst ein paar Klänge zum Besten, begleitet am Klavier. Als dann alle Stimmen hauchen “… nimmermehr”, lobt er begeistert: “Geiler Klang!”
Der Synagogalchor Leipzig probt im Ariowitschhaus – an diesem Abend mit dem Kammerchor Josquin des Préz für das Konzert “Klänge aus Leipzigs Tempel” am 7. März in der Thomaskirche. … “Jetzt bin ich mir sicher, dass das Konzert die Leute glücklich macht!”.
Ja, der Synagogalchor singt sich mitten ins Herz. Wer ihn hört, ist berührt, bewegt. Dieses Mysterium vermögen selbst die 30 Sängerinnen und Sänger nicht zu erklären. Vielelicht sind es die fremden, unverständlichen Worte, die sie selbst erst in Umschrift vom Notenblatt lesen. Vielleicht sind es die Rhythmen, die Liebe und Leid, Trauer und Freude vermitteln. Vielleicht ist es aber auch das Anliegen der Choristen schlechthin: “Wir sind ein Ensemble nichtjüdischer Menschen, das das jüdische Erbe, das ausgelöscht werden sollte, pflegen und verbreiten wollen”, sagt Reinhard Riedel. … (LVZ, 4. März 2015, Cornelia Lachmann)

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