Jiddische Geisterstunde mit Flamenco

Der Dybbuk ist in der jüdischen Kultur eine Art Totengeist, der von lebenden Besitz ergreifen kann. Eine solche Erscheinung beschwört die Berliner Flamenco-Künstlerin Anna Natt in ihrer Performance “Der Dybbuk or Dolores it’s time to hang up the Castanets” herauf, die am Mittwoch im Rahmen der euro-scene Premiere im Residenzprogramm des Leipziger Schauspiels hatte.
Geist und Körper, Tanz und Bewegung, wo beginnt das alles? Anna Natt … setzt gleichzeitig auf Minimalismus und Opulenz und gräbt dabei in zwei Schätzen der Volkskunde: dem Flamenco und dem Jiddischen. Sie steht im weißen Kleid auf der Bühne, langsam, sehr langsam öffnet sich der Mund und die Hände beginnen mit der Entdeckung des Körpers … Der Impuls kommt von außen, die Hände arbeiten sich voran, getrennt vom Willen, doch der Biomechanik folgend. … Gegen Ende wandelt sie als besessene Geist-Tänzerin in den Tiefen des Raumes …
Zu all dem singt der Leipziger Synagogalchor, der vom hinteren Teil der Residenz-Bühne, lediglich am Klavier und einmal von einer Violine begleitet, genau jenen Resonanzraum schafft, der Natts Performance auffängt und verortet. Die jiddischen Lieder mit ihrem klar durchklingenden Volksliedcharakter, aber zugleich vierstimmigen Arrangements und Soli von Anja Pöche und Falk Hoffmann, schaffen die Erinnerung an den Ritus, der Natts Treiben innewohnt.
Zunächst agieren beide Kunstformen in stoischer Unverbundenheit doch gleichzeitig in ständigem Dialog, und im fulminanten Ende, wenn ein Paar Kastagnetten von der Decke schweben, schaffen sie eine ungedachte Fusion von jiddischem Flamenco. Ein fulminanter Abend, der Grenzen in viele Richtungen überschreitet, ohne sich zu verlieren, sondern darin etwas Neues und Aufregendes schafft. (LVZ, 7. November 2014, Torsten Ibs)

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