18. November 2013 “Tief beeindruckende Klänge”

Wolfenbüttel. Der Leipziger Synagogalchor gastierte in der St.-Trinitatis-Kirche. Musik als Geschenk Gottes – von diesem Verständnis ist der Gemeindegesang in der Synagoge durchdrungen. Ludwig Böhme, künstlerischer Leiter des Leipziger Synagogalchores, beließ es nicht bei bloßen Erklärungen. Beim Konzert seines Chores in St. Trinitatis konnten sich 150 Zuhörer von der Ausdruckskraft der rituellen Gesänge, mehrheitlich komponiert im 19. Jahrhundert, überzeugen. Fast zu schön für unser Verständnis sakraler Musik? Nein, aber inniger, emotionaler, ja, mitreißender als das, was lutherische Strenge im Gottesdienst erlaubt. Zu Beginn geistliche Chorsätze von Louis Lewandowski (1821-1894), vom Chor mit klarer Akzentuierung durchsichtig dargeboten. Der Funke sprang über – in die Ohren und Herzen des Publikums. Plastisch wird die bildhafte Sprache des Psalms 103 in anschauliche Klänge überführt. Andächtig, ehrfürchtig, mit vibrierender Intensität singen die Leipziger von der Vergänglichkeit des Menschen, siegesgewiss wird die Verheißung von der Gnade Gottes in jubelnde Dynamik umgesetzt. Vor allem der Wechselgesang des Chores mit dem strahlenden Bariton von Ludwig Böhme verlieh dem biblischen Wort Vitalität und Energie. Überzeugen konnten ebenso Kathleen Glose mit schlankem, beweglich geführten Mezzosopran und Tenor Fritz Feilhaber mit geschmeidiger Tongebung und textverständlicher Artikulation. Die Ausstrahlung der Musik profitiert von der Verschmelzung der klassischen europäischen Musiktradition mit dem Musikverständnis der Ostkirchen. Das Ergebnis ist eine klangvolle, akkordisch ausgeformte Melodielinie mit betörendem Wohllaut. Trost, Zuversicht, Glaubensstärke und Verinnerlichung, in der Verkündigungsbotschaft treffen sich jüdische und christliche Sakralmusik. Ganz anders die weltlichen jüdischen Lieder mit ihren von zwischenmenschlichen Gefühlen geprägten Stimmungsgehalten. Liebe, Hoffnung, Enttäuschung, eindrucksvoll durchläuft der Chorsatz „Margaritkelech“ die Empfindungen eines betrogenen jungen Mädchens. Doch auch Zeitgeschichtliches wird vertont. „S is gut“ von Mordechai Gebirtig (1877-1942) ist eine sarkastisch gebrochene Reaktion auf die Judenpogrome des Jahres 1938. Betroffen machen Schmerz, Verzweiflung, vor allem aber die unerschütterliche Widerstandskraft. Mit einem machtvollen musikalischen Glaubensbekenntnis endet das eindrucksvolle Konzert. Dankbarer Beifall für alle Mitwirkenden!

Rainer Sliepen, Wolfenbütteler Zeitung

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