31. März 2010 “Die wollen lieber Pop-Musik”

Eliyahu Schleifer, Jerusalemer Professor für Geistliche Musik, über Tradition und Zukunft

Leipziger Synagogalchor im Jahr 2008. Eliyahu Schleifer, als Professor für geistliche Musik am Jerusalemer Hebrew Junion College über Jahrzehnte die graue Eminenz in der Ausbildung jüdischer Kantoren und seit seiner Emeritierung noch immer mit der Erforschung synagogaler Musik beschäftigt, ist einer der Initiatoren und der Organisator der Israel-Tour des Leipziger Synagogalchors. Peter Korfmacher sprach mit ihm über die Bedeutung der Arbeit des sächsischen Ensembles.

LVZ: Wird das Kern-Repertoire des Leipziger Synagogalchors auch in Israel gepflegt?

Eliyahu Schleifer: Leider nicht. Der größte Teil dieser Musik ist hier unbekannt. Nur die Einwanderer aus Mitteleuropa, die sie noch in ihrer Kindheit in den Synagogen ihrer Heimat gehört haben, kennen das. Die große Kultur der deutschen Synagogen ist mit der Pogromnacht 1938 untergegangen. Nur vereinzelt wird sie noch in der Diaspora gepflegt, in den USA beispielsweise gibt es Inseln. Ganz anders übrigens verhält es sich mit der osteuropäischen Synagogalmusik, die hier in Israel nach wie vor sehr lebendig ist.

Woher rührt dieser Unterschied?

Zum einen natürlich aus der Geschichte: Viele aus Deutschland entkommene Juden haben ihre Heimat, die ja das Land der Mörder ihrer Familien ist, aus ihrer Erinnerung zu tilgen versucht. Und: In den tendenziell liberalen, reformierten Synagogen der westlichen Tradition will die Jugend diese Musik nicht mehr hören. Die wollen lieber Pop-Musik. In vielen westlichen christlichen Kirchen ist dies ja auch nicht anders, da haben doch in manchen Gemeinden längst Gitarre, Schlagzeug und Keyboard Orgel und Orchester verdrängt.

Ist das klassische synagogale Repertoire überhaupt noch greifbar? Gibt es Noten?

Es gibt Editionen, aber nur sehr wenige neue. Das meiste, was noch in Gebrauch ist oder in den Archiven und Bibliotheken liegt, sind alte Ausgaben oder Kopien davon. Und es sind durchweg nur Ausschnitte des einstigen Repertoires. Es gibt nicht so etwas wie die Gesamtausgabe der Werke Louis Lewandowskis. Zu viel ist verloren gegangen. Manches hat allerdings immerhin in Anthologien überlebt. Salomon Sulzer etwa, der erste Kantor Wiens, hat es mit seinen Werken in die “Denkmäler der Österreichischen Tonkunst” geschafft.

Wie sehen sie die Zukunft dieses Repertoires? Wird die Musik der deutschen Synagogen überleben?

Ich hoffe auf eine Renaissance. Auch die Kunst und ihre Pflege folgen Moden und Wellen. Schauen sie sich Bach an: Sein Werk war nur lokal in Leipzig von Bedeutung und darüber hinaus einigen wenigen Spezialisten bekannt. Eine Entwicklung, die schon vor seinem Tod einsetzte. Erst Mendelssohn hat die bis heute anhaltende Bach-Renaissance eingeläutet und ermöglicht. Ein ähnlicher neuer Zyklus im musikalischen Bewusstsein zeichnet sich gerade in der katholischen Kirche ab: Papst Benedikt hat angekündigt, der Kirche die Gregorianik zurückzugeben. Also: Ich bin auch für diese synagogale Musik optimistisch. Und das gewaltige mediale Interesse, das hier im Lande der Tour des Leipziger Synagogalchors entgegen gebracht wird, lässt mich hoffen, dass der Umschwung gar nicht mehr so lange auf sich warten lässt.

Wie sind denn die Reaktionen darauf, dass ausgerechnet ein Chor aus deutschen Nichtjuden diese Musik nach Israel bringt?

Zunächst verhalten, dann erstaunt – und überkritisch. Die Israelis schauen bei nichtjüdischen Ensembles gern mit der Lupe hin. Und dann sind sie immer wieder überrascht von der ganz anderen Aussprache des Hebräischen. Der Leipziger Synagogalchor pflegt die Aussprache der ashkenazischen, der zentraleuropäischen Juden, während in Israel das sephardische Hebräisch die Norm geworden ist. Man kann sagen, dass mit der Kultur auch die Sprache des zentraleuropäischen Judentums untergegangen ist.

Das ist sozusagen die technische Seite. Aber wie sind die Reaktionen auf die gleichsam moralische? Dürfen Deutsche diese Musik überhaupt singen? Und dürfen sie es hier?

Da gibt es durchaus Skepsis. Immer wieder höre ich sagen, auch die Arbeit dieses Chores repräsentiere die deutsche Schuld. Und in gewisser Weise ist das ja auch so. Natürlich hat es a priori etwas mit Wiedergutmachung zu tun. Aber dabei bleibt es nicht.

Sondern?

Die Liebe dieses Chors zur Musik, die er pflegt, ist echt und aufrichtig. Das hört, das spürt man. Und wer sich mit der Geschichte des Ensembles auseinandersetzt, muss spätestens dann einsehen, dass die Skepsis ins Leere läuft.

Inwiefern?

Der Synagogalchor wurde 1962 in Leipzig gegründet. In der DDR, einem besonders antisemitischen, zumindest anti-israelischen Staat. Und da kümmerten sich nun Nichtjuden direkt vor der Nase der Stasi um jüdische Musik. Das war keine staatlich sanktionierte Wiedergutmachungsgeste wie manches im Westen. Dafür bedurfte es daheim schon der Zivilcourage. Die Liebe dieses Chors zur Musik, die er pflegt, ist echt und aufrichtig. Das hört, das spürt man. Und wer sich mit der Geschichte des Ensembles auseinandersetzt, muss spätestens dann einsehen, dass die Skepsis ins Leere läuft.

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