29. März 2010 “Für solche Momente”

Letzte Station der Israeltournee führt Leipziger Synagogalchor nach Jerusalem und Nazareth

Jerusalem/Nazareth. Mit einem Auftritt im Kibbuz Kfar Hachoresh nahe Nazareth, einem Konzertgottesdienst in der Synagoge des Hebrew Union College Jerusalem und einem Konzert in der Himmelfahrtskirche am Ölberg endete am Wochenende die Israel-Tournee des Leipziger Synagogalchors. Seit Mittwoch standen sechs Auftritte auf dem Programm. Heute kehrt das Ensemble zurück.
Aharon Kidron hebt die Arme. Er will, er kann sie noch nicht gehen lassen, die Sänger des Leipziger Synagogalchors, die sich nach der Zugabe schon auf den Weg zum Ausgang gemacht haben. Kidron kämpft vergeblich mit den Tränen und bringt nur unter Mühen mit erstickter Stimme heraus: “Ich danke Ihnen, dass Sie uns diese Musik gebracht haben. Musik, die für uns verbunden ist mit unserer Kindheit, unserer Vergangenheit, unserer Heimat, die wir seit über 60 Jahren nicht mehr hören konnten. Die wir ohne Sie vielleicht nie wieder gehört hätten.”
“Für solche Momente”, sagt hinterher, wohl für alle sprechend, Chormitglied Kurt Grünhagen, “lohnt sich jede Anstrengung”. Und solche versöhnen allemal mit widrigen Umständen. Mit der Bus-Anreise von Jerusalem, die sich an der jordanischen Grenze entlang zum Teil durchs palästinensische Autonomiegebiet führend wider Erwarten so lang zieht, dass Chorleiter Helmut Klotz den größten Teil des geplanten Besichtigungsprogramms an den heiligen Stätten des Christentums in Galiläa kurzerhand absagt. Mit dem Raum, der mit seinem spröden Turnhallencharme, den dekorativ neben die Bühne gestapelten Gymnastikmatten, der garstigen Zugluft eher verstört als bewegt. Mit dem Klavier schließlich, das eigentlich nur noch zur Entkernung taugte, das sehr, sehr lange kein Stimmer mehr unter den Fingern hatte und dem Clemens Posselt im pianistisch durchaus anspruchsvollen “Rebbe Elimelech” immerhin folkloristische Pointen abgewinnt.
Turnhallencharme: der Chor in der Mehrzweckhalle des Kibbuz. Die Emotionen leiden nicht unter derlei Unbilden, auch nicht unter der zum wiederholten Male verunglückten Intonation ausgerechnet des wunderbaren Eröffnungtitels “Ma tauwu” aus der Feder Samuel Lampels. Wieder ist zu beobachten, dass im Publikum viele der Älteren dem Impuls nicht widerstehen können und verhalten mitsingen. Und wenn hinterher eine Dame zu erzählen beginnt, ihre Eltern hätten in Leipzig gewohnt, in der Reclamstraße 20, leider stehe das Haus nicht mehr, wenn eine Frau schlicht “Thank You” ruft, ihr Urgroßvater sei jüdischer Kantor in Leipzig gewesen, dann zeigt sich, dass die Zeit reif ist für Einladungen wie die des Holocaust-Überlebenden Aharon Kidron in seinen Kibbuz.
Die äußeren Umstände sind tags darauf in der Himmelfahrtskirche am Ölberg repräsentativer als in der tristen Mehrzweckhalle des Kibbuz. Dennoch – oder gerade darum – geht das letzte Konzert der Tour weniger tief unter die Haut. Wenngleich sich zahlreiches Protokoll eingefunden hat. In Vertretung des sächsischen Ministerpräsidenten Stanislaw Tillich, der seine Israelreise kurzfristig “wegen dringender Regierungsgeschäfte” absagen musste, ist Sabine von Schorlemmer, Sachsens Staatsministerin für Wissenschaft und Kultur, ins Heilige Land gereist. Vor allem, um einen in der Leuchtenmanufaktur Wurzen rekonstruierten neoromanischen Radleuchter zu übergeben. Der erhellt nun den frisch sanierten Kaisersaal im Kaiserin-Auguste-Victoria-Komplex, zu dem die Himmelfahrtskirche gehört, ist Sachsens Geschenk zum 100. Geburtstag der Stiftung.
Hier, in Kaiser Wilhelms architektonischem Reflex auf die Kreuzfahrer-Kirchen im Heiligen Land, kommt dem Synagogalchor im liturgischen ersten Teil der Nachhall im Kirchenschiff entgegen und der Umstand, dass Posselt nun eine schöne Orgel (gebaut in Frankfurt an der Oder) unter den Händen hat.
Und so gibt der Synagogalchor noch einmal alles, schwingt sich aber vor allem im jiddischer Folklore gewidmeten Teil des Konzerts zu erfreulicher Form auf. Der Chor greift mit Josef Dorfmanns Sätzen “Di Nacht” und “Ghetto Varsha” an die Kehle, Ulrike Helzel mit dem Wiegenlied vom “Hungerik Ketzkele” an die Seele. Egbert Junghanns beweist mit “Az der Rebbe Elimelech” ein letztes Mal die grandiose Wandlungsfähigkeit seines Baritons und komödiantisches Potenzial – das sich indes im Altarraum der Himmelfahrtskirche ein wenig unpassend ausnimmt. Und Lewandowskis “Shiviszi Adonai”, die letzte Zugabe einer strapaziösen Tour, setzt beglückend sanft den Schlussstrich unters musikalische Tourprogramm.
Klotz’ Resümee fällt so kurz aus, wie die Rückfahrt ins Hotel: “Danke, Danke. Dass ihr auch das sechste Konzert innerhalb von vier Tagen noch auf diesem Niveau gesungen habt, macht mich glücklich und zufrieden.” Der Rest bis zur Heimfahrt am sehr, sehr späten Sonntagabend gehört der touristischen Erbauung: Palmsonntag am Toten Meer, in Qumran, wo vor einem guten halben Jahrhundert die berühmten Schriftrollen mit den ältesten überlieferten Bibelhandschriften gefunden wurden, nach Masada, wo die Zeloten bis zum bitteren Ende den Römern trotzten, zur herrlichen Oase En Gedi. Schöne Bilder, schöne Erinnerungen – aber wenig verglichen mit den Eindrücken aus Yad Vashem aus Tel Aviv, dem Kibbuz Kfar Hachoresh, wo der Leipziger Synagogalchor nicht nur seinen Ruf als Kulturbotschafter Sachsens gefestigt hat, sondern auch Zeugnis dafür ablegte, dass das andere Deutschland Wirklichkeit ist.

Peter Korfmacher, Leipziger Volkszeitung (LVZ)

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