27./28. März 2010 “Symbolik”

Bei den Konzerten des Leipziger Synagogalchors in Israel hat das Publikum oft Tränen in den Augen

Nach dem vor allem symbolischen Konzert in der Gedenkstätte von Yad Vashem ging die noch bis Montag dauernde Israel-Tournee des Leipziger Synagogalchors gestern mit normalen Auftritten in Herzliya und Tel Aviv weiter. Das Auditorium im Museum der jüdischen Diaspora in Tel Aviv ist voll. Und Harald Kindermann, Botschafter der Bundesrepublik in Israel, sagt hinterher bei seinem Empfang für die Musiker aus Leipzig, er habe “sehr viele Menschen gesehen, die fließend und akzentfrei Deutsch sprechen”, die aber noch nie den Weg in seine Botschaft gefunden hätten.
Und manchem ist zunächst die Reser-viertheit ins Gesicht geschrieben: Ein deutscher Chor singt jüdische Melodien – da liegt es nahe, Versöhnungs- und Entsühnungs-Folklore zu unterstellen. Aber mit jedem der 17 Titel schmelzen spür- und sichtbar die Vorurteile.
Die synagogale Musik, die der Leipziger Chor pflegt, kann man, Eliyahu Schleifer, unbestrittene Autorität in Sachen jüdischer liturgischer Musik, sagt es vorab, zum großen Teil nirgends sonst mehr hören. Diese Tradition ist verschüttet. Doch aus den Köpfen ist sie nicht verschwunden: Von Anfang an sprechen, nur anfangs zögerlich, Menschen im Publikum Texte mit, summen Melodien, singen Refrains – und haben dabei Tränen in den Augen.
Die Stimmung im Saal überträgt sich auf den Chor. Zaghaft noch, unsicher, brüchig ist der Beginn mit Samuel Lampes “Ma tauwu”. Dem Sopran ist anzuhören, dass seine Besetzung dezimiert ist und der Tag anstrengend war. Im Tenor braucht die Intonation noch, bis sie einrastet. Und Helmut Klotz’ Vorliebe für Feierlichkeit an der Grenze zur Behäbigkeit macht seinem Ensemble die Sache nicht immer leichter. Doch zunehmend gewinnt der Klang Kontur – und wo er es nicht tut, ist es egal. Weil auch dieses auf den ersten Blick so normale Konzert weit mehr ist als das.
Eine Dame, die beim eigentlich fröhlichen “Yome, Yome, shpil mir a lidele” im Arrangement des Chorgründers Werner Sanders in Tränen ausbricht, mag ihren Namen nicht nennen, mag nicht über ihre Vergangenheit sprechen. Und diese Vergangenheit verbietet es nachzubohren, als ihr Sohn abblockt mit: “Nun zerstören Sie es ihr nicht gleich wieder.” Aber klar ist: Da ist etwas geschehen an diesem Abend, ist eine Vergangenheit zurückgekehrt – und hat nicht nur Schmerz ausgelöst.
In Ulrike Helzels großem, traumverloren schönen Solo “Tauraß Adonai” (Louis Lewandowski) sind die Erinnerungen im Saal erkennbar süß melancholisch. Und wenn Egbert Junghanns vom Rebbe Elimelech erzählt, vom Chor enthusiastisch sekundiert, hält es kaum noch jemanden ruhig auf dem Sitz.
Schleifer räumt freimütig ein, anfangs, bevor seine Freundschaft mit Helmut Klotz begann, reserviert gewesen zu sein. “Aber”, setzt er nach, “wer diesen Chor gehört hat, weiß, dass es keine Masche ist.”
“Ich habe den Herrn beständig vor Augen”: Spontan stimmen Helmut Klotz und Mitglieder des Synagogalchors in der Via Dolorosa Verse aus dem 16. Psalm an. Das ist es auch am Mittag zuvor nicht: “Los Kinder”, sagt Klotz. Und seine gut zwei Dutzend Mitstreiter auf Jerusalem-Besichtigungstour stimmen, wie sie grad stehen, Lewandowskis “Shiviszi Adonai” an, Verse aus dem 16. Psalm, die zweite Zugabe am Abend in Tel Aviv: “Ich habe den Herrn beständig vor Augen.” Das passt perfekt in diese kleine Kapelle. Denn hier, an der siebten Station des Kreuzwegs, in der Via Dolorosa, hat einst die Heilige Veronika Jesus den Schweiß und das Blut aus dem Gesicht gewischt. Und der Abdruck ist im Tuch geblieben – so weiß es die Überlieferung.
Noch so eine Geste: Ein konfessionell ungebundener deutscher Chor singt jüdische Musik in einer christlichen Kirche, die von den katholischen Kleinen Schwestern des Herrn betreut wird. Ein Priester aus München lauscht und seufzt: “Vergelt’s Gott”.
Sie gehen zu Herzen, die Melodien und Harmonien Lewandowskis aus dem Herzen der deutschen Romantik. Auch weil hier, gezeugt aus der Situation, alle Beklemmung und Nervosität, die sich am Vortag auf Stimmen und Gemüter gelegt haben beim Konzert in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem, gelöster Euphorie gewichen sind.
Entsprechend gelöst ist die Stimmung spätnachts im Bus auf der Rückfahrt vom Tel Aviver Konzert nach Jerusalem. Klotz sagt mit sichtlichem Wohlwollen: “Das war eine sehr gute Leistung des Ensembles. Das muss man einfach sagen.” Ja, das muss man wohl. Und nach sehr kurzer Nacht geht’s zum nächsten Konzert, in einen Kibbuz in der Nähe von Nazareth.

Peter Korfmacher, Leipziger Volkszeitung (LVZ)

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