26. März 2010 “Klingendes Gedenken”

Der Leipziger Synagogalchor besucht auf seiner Israel-Tournee Yad Vashem

Jerusalem. Am Dienstag ist der Leipziger Synagogalchor mit seinem Leiter Helmut Klotz zu seiner zweiten Israel-Tournee aufgebrochen. Seit der ersten im Jahr 1993 hatte es zweimal im letzten Moment nicht geklappt. Wegen der prekären Sicherheitslage im Heiligen Land. Nun also lief im Vorfeld alles glatt. Das erste von sechs Konzerten in vier Tagen fand am Mittwoch in der Jerusalemer Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem statt.
Die Symbolkraft nimmt allen Beteiligten den Atem. Eliyahu Schleifer, als Musikprofessor an der Hebräischen Universität so etwas wie die graue Eminenz der liturgischen jüdischen Musik in Jerusalem und seit zwei Jahrzehnten mit Helmut Klotz befreundet und mit dem Synagogalchor Leipzig, findet dennoch die angemessenen Worte für den Auftakt dieser denkwürdigen Tournee, der selbst die Knesset beschäftigte: „In der Synagoge von Yad Vashem darf nicht deutsch gesprochen werden, zu groß ist hier die Sensibilität nach all dem, was im deutschen Namen den Juden geschehen ist. Und wenn ihr euch dies vor Augen führt, wird euch bewusst, wie wichtig dieses Konzert für euch ist, für Israel, für mich.“
Schleifer hat sie von Jerusalem aus mitorganisiert, die Tour des Synagogalchors, hatte auch die beiden letzten abgesagten auf die Zielgerade gebracht. Und findet nun: „Man müsste sofort die nächste Konzertreise durch Israel in Angriff nehmen. Das Interesse ist groß – nur fürchte ich, dass ich nicht mehr die Kraft haben werde.“
Da singen nun also deutsche Nichtjuden in der Synagoge von „Ein Denkmal und ein Name“, was der Yad Vashem übersetzt in etwa bedeutet. Sie singen in der Erinnerungsstätte für die sechs Millionen Juden, die Deutsche ermordeten, in dem Denkmal, in dessen Zentrum die Namenshalle das Andenken pflegt und noch Namen sucht, um das abstrakte Grauen mit Schicksalen greifbar zu machen. 3,2 Millionen hat man bisher gesammelt. Die Hälfte fehlt also noch, doch auch so macht die endlose Reihe der Aktenbände mit den Erinnerungsbögen sprach-, fassungs- und ratlos.
Mit diesem Gefühl im Hinterkopf – vor allem wohl im Bauch und, mehr noch, im Herzen – legen Klotz und eine Chor-Delegation in der Halle des Gedenkens, in deren Boden die Namen der Vernichtungslager eingelassen sind, im Rahmen einer feierlichen Zeremonie einen Kranz nieder. Eliyahu Schleifer singt ein Gebet.
Im Angesicht des unermesslichen Leids, das Deutschland über die Welt gebracht hat, verbietet es sich, von Versöhnung zu sprechen. Aber dass das Leipziger Ensemble seit 48 Jahren auf deutschem Boden eine musikalische Tradition am Leben erhält, die die Nazis beinahe vollständig ausgerottet haben, wird hier umso sinnfälliger. Und symbolträchtiger sind Erinnerung und Mahnung, die einstweilen die Versöhnung noch vertreten müssen, kaum zu haben als mit dem klingenden Tournee-Auftakt.
Wo die Worte versagen, da spricht die Musik. Eine viel zitierte Phrase. Hier jedoch wird sie physisch greifbar. Auch nach der strapaziösen Anreise über Berlin und Tel Aviv, auch und gerade nach der Grenzerfahrung der gut zweistündigen Führung durch das dokumentierte Grauen in Yad Vashem, werden selbst Töne, über die im Einzelnen zu diskutieren wäre, zu Botschaftern.
So singen Helmut Klotz, der unmittelbar vor dem Konzert noch um Fassung ringt und um Worte, der vergeblich gegen die Tränen ankämpft und sein 26-köpfiger Chor, singen Bariton Egbert Junghanns und die grandiose Sopranistin Ulrike Helzel, Töne aus zerstören Synagogen in dieser Synagoge, die an alle jüdischen Gotteshäuser erinnern soll, die im Holocaust in Trümmer fielen. Töne sind dies, die trotz allem seltsam vertraut scheinen und so wieder ins Bewusstsein zurückrufen, wie stark das jüdische Leben einst unsere Kultur prägte.
Diese Töne, sie haben überlebt. Wie die Thora-Rolle aus der großen Leipziger Synagoge, die ein halbes Jahrhundert verschollen war, dann in einem toten Schacht der Universitätsbibliothek gefunden wurde, wo sie wahrscheinlich der Hausmeister, ein Nichtjude, versteckt hatte. Sie wurde aufwendig restauriert. Und dann übergab Hanna Gildoni sie dem Holocaust-Museum in Yad Vashem.
Hanna Gildoni, die Vorsitzende der ehemaligen Leipziger in Tel Aviv, die als Kleinkind mit ihrer Familie 1940 Leipzig verlassen musste und 50 Jahre lang kein deutsches Wort mehr über die Lippen bekommen hatte, sie spricht wieder Deutsch, freut sich über den Besuch des Synagogalchores, dem sie sich tief verbunden fühlt. Mittlerweile reist sie wieder regelmäßig in die Stadt, die einst die ihre war.
Und als die Mitglieder des Leipziger Synagogalchores in Tel Aviv den Flughafen verlassen, überreicht Hanna Gildoni jedem Einzelnen eine Rose. Auch dies ein Symbol mehr als eine Geste nur, eines, das wie die Musik ohne Worte auskommt. Und Hoffnung macht.

Peter Korfmacher, Leipziger Volkszeitung (LVZ)

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