5. November 2009 “Wie es das Schicksal will”

“Leipziger Ware” – im Zentrum jüdischer Kultur in Leipzig ist das ein bekannter Qualitätsbegriff. Durch die Initiative Werner Sanders ist “Leipziger Ware” auch ein Synonym für musikalisch-literarische Qualität. Gut etabliert ist die so betitelte Reihe. Der Musikpädagoge wollte dem von ihm gegründeten Leipziger Synagogalchor Öffentlichkeit geben. Statt wie üblich in der Handelsbörse sitzt das Publikum am Dienstagabend zur Nummer 15 der Veranstaltungsreihe im Ariowitsch-Haus. Kühl wirkt der Saal des jüngst eingeweihten Kultur- und Begegnungszentrums. Warm ist dagegen die Atmosphäre. Von Sander erklingt statt der drei angekündigten Lieder nur eine Melodie. Programmänderung, denn Chorleiter Helmut Klotz, der auch den Solo-Tenor singen sollte, ist erkältet. So bleibt für ihn das Dirigat. Die 23 Sänger des Laienchores haben sichtlich Freude an dem, was sie anstimmen: In der textlosen Vokalise “Nigun” – einer Folklore von Sander – stehen “tatata” und “rididididi” stellvertretend für dieses Empfinden. Ulrich Vogel begleitet am Flügel angemessen und präzise den gut aufgestellten Chor.
Für Heiterkeit sorgen die Texte von Isaac Bashevis Singer. Der Schauspieler Friedhelm Eberle liest Kurzgeschichten des jüdischen Nobelpreisträgers. In seinen Texten steht hinter scheinbar Absurdem ein tiefgründiger Inhalt. Mit trockenen Pointen enden seine Erzählungen: In “Der Fatalist” etwa geht Benjamin Schwarz, der den Spitznamen Fatalist trgägt, auf eine lebensgefährliche Wette ein. Er sll sich auf die Schienen legen und – wie es das Schicksal will – vom Zug überrollt oder verschont werden. Die Dorfschönheit Heyele stellt sein Fatum in Frage. Benjamin Fatalist gewinnt die Wette und heiratet Heyele. Die Frage, ob er dasselbe noch einmal tun würde, bejaht er – “aber nicht für Heyele”.
Eberle trägt die Geschichten mit Leidenschaft vor. Da staut sich etwas auf. So, dass dann auch schon mal die Leselampe wackelt. Die Zuhörer folgen ihm. Gelächter, wenn er Ironisches in unterschiedlicher Stimmfärbung wiedergibt. Pausen, wenn es der Text und Eberle so wollen. Eine Lesezugabe, wenn sie das Publikum einfordert. Leider fehlte jüngeres Publikum.

Julia Seidel, Leipziger Volkszeitung LVZ)

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