14. September 2008 “Folklore und Ghetto-Elend”

Der Leipziger Synagogalchor hat im Kölner Dom Synagogengesänge und jiddische Lieder aufgeführt. Das Ensemble, das nur nichtjüdische Mitglieder hat, trug mehrere Facetten zum Ökumenischen Kirchenmusikfestival Köln bei. Die jüngste “Geistliche Musik am Dreikönigenschrein” stimmte in mehrfacher Hinsicht nachdenklich. Auf Vermittlung von Kardinal Meisner sang der Leipziger Synagogalchor erstmals im Dom, ein Chor aus DDR-Zeiten, der auch heute eine “gleichermaßen künstlerische wie politische Ausstrahlung” anstrebt. Bemerkenswert schon, dass in dem 1962 von Oberrabbiner Werner Sander gegründeten Ensemble ausnahmslos nichtjüdische Sängerinnen und Sänger synagogale Gesänge pflegen, also Musik, die jüdischen Männern vorbehalten ist oder war. Seine Spezialität sind Bearbeitungen synagogaler Gesänge für gemischten Chor, Soli und Orgel, eine von vielen Spielarten jüdischer Musikkultur. Es passt traditionelle Synagogen- und Sabbatgesänge in ein harmonisches Gerüst ein, wobei deren ganz eigene Tonalität manchmal noch durchscheint, zumal in den Kantorensoli.Diese Bearbeitungspraxis pflegte etwa in Berlin der Kantor und königlich-preußische Musikdirektor Louis Lewandowski (1824-1894), von dem eine hymnische Psalmenkomposition für Chor, Orgel (Clemens Posselt) uns konzertantes Altsolo (Ulrike Helzel) erklang. Andere Soli übernahmen Egbert Junghanns (Bariton) und der nicht mehr ganz rein klingende Tenor Helmut Klotz, der von der Oper herkommt und den Chor seit 1972 leitet.

Das Zulassen weiblicher Stimmen, sogar in den Kantorensoli, mochte traditionsbewusste Besucher heute irritieren, mehr noch das Programm im Dom, die Kombination synagogaler Gesänge mit klavierbegleiteter jiddischer Folklore und Klageliedern über Ghetto-Elend, Verfolgung und Tod. Da stand neben Joseph Dorfmans “Di Nacht” eine Klage für die Toten des Warschauer Ghettos, das ergreifende Wiegenlied für ein hungerndes Kind. Und an den Volkspoeten Mordechaj Gebirtig erinnerte die Zugabe “’s brennt”. So trug die Leipziger Mischung gleich mehrere Facetten zum Ökumenischen Kirchenmusikfestival Köln bei.

Marianne Kierspel, Kölner Stadt-Anzeiger

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