12. Juli 2007 “Vermittlung und Versöhnung”

Festkonzert des Leipziger Synagogalchors unter Helmut Klotz im Alten Rathaus

Der Leipziger Synagogalchor ist nicht nur hinsichtlich seines Repertoires bemerkenswert, sondern auch kulturpolitisch eine Besonderheit. Nur wenige Ensembles widmen sich der jüdischen Musiktradition derart konsequent und nachhaltig. Dieser Laienchor existiert bereits seit 45 Jahren, 35 davon unter der Leitung von Kammersänger Helmut Klotz – Grund genug für ein großes Festkonzert am Dienstagabend im Festsaal des Alten Rathauses.
Vor der Wende waren die hiesige Pflege jüdischer Musiktradition und die Erinnerung an jüdische Kultur in Deutschland eher Pionierarbeit, pflegte doch die DDR keinerlei Beziehung zum Staat Israel. Die Vermittlungsfunktion zwischen den Kulturen hat der Chor bis heute bewahrt und ist in der Aufführung synagogaler Musik und jüdischer Folklore durch seine ausschließlich nichtjüdische Besetzung einzigartig. Da sind die Erwartungen im nicht nur ausverkauften, sondern völlig überfüllten Festsaal entsprechend hoch. Auch weil ein genaues Programm bis zum Konzertbeginn nicht einzusehen war.
Die Gäste, unter ihnen Oberbürgermeister Burkhard Jung, der Komponist Friedbert Groß, zahlreiche jüdische Religionsvertreter und Mitglieder des Vereins ehemaliger Leipziger in Israel, werden im Verlaufe der 16 Werke nicht enttäuscht. Es umfasst Synagogalmusik, jiddische Gesänge und jiddisch-hebräische Folklore in alten und zeitgenössischen Bearbeitungen. Charles Davidsons “L´cho daudi” für Alt und Chor a capella und Samuel Almans “W`schomru” für Tenor, Chor und Klavier (Clemens Posselt) markieren den ersten Höhepunkt. Die sachte Vermengung von mystisch-tragischem Chorsummen und dem wundervollen kräftigen Alt Kathleen Gloses ist ausdrucksstark arrangiert und lässt den musikalischen Geist dieser Musik hervortreten. Glose interpretiert nicht nur die hebräischen Texte ganz souverän, sie lässt auch in Sachen jiddisches Textverständnis und klangliche Ausdeutung keine Fragen unbeantwortet.
Helmut Klotz ist danach ganz in seinem Element: zwischen Klavier, seiner überaus angenehmen Tenorstimme und dem Chor, den er in Doppelfunktion (Tenor/Dirigat) nur gelegentlich mit Eingaben versieht, um schwankend und bewegt wieder in andere Klangräume zu schreiten. Das alles strotzt vor Kraft und Wunder. Nach der gedankenreichen und klugen Ansprache Jungs findet die Uraufführung von Friedbert Groß Gehör. “Adonoj roi lo ächsar” für Chor a capella ist spannend und erfrischend – auch wenn die Bässe mitunter etwas schwerfällig sind und die Sopranstimmen zum Ende hin ihre Strahlkraft in den Höhen verlieren.
Der Blick über den Abend ist breiter auszurichten, geht es doch um so unendlich viel mehr – um Erinnerung, Musik und das Ensemble. Es muss eine Erinnerung jüdischen Lebens geben, und wenn diese mit Musik erreicht wird umso besser, klarer und tiefer. Und so hoffen die Gäste nach zwei Zugaben und ausgiebigem Applaus, dass diese Vermittlungs- und Versöhnungsinstitution ersten Ranges weiter besteht – gerade weil die Welt, so Hannah Arendt immer zwischen den Menschen ist.

Christian Fanghänel (Leipziger Volkszeitung)

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