9. Juli 2007 Interview “Kraftquell in schwierigen Zeiten”

Seit 35 Jahren leitet Kammersänger Helmut Klotz den Leipziger Synagogalchor

Er war Cellist in der Staatskapelle Dresden und hat als gefeierter Tenor an der Oper Leipzig über Jahrzehnte alle großen Partien gesungen. Beides ist Geschichte. Immer noch aktiv ist Kammersänger Helmut Klotz als Chef des Leipziger Synagogalchors. Seit 45 Jahren gibt es das Ensemble, seit 35 unter seiner Leitung. Morgen gibt es aus Anlass dieses doppelten Geburtstags im Alten Rathaus ein Festkonzert.
Peter Korfmacher sprach mit dem 72-Jährigen.

Frage: Wie kommt ein nichtjüdischer sächsischer Tenor und Cellist zur Leitung eines Synagogalchors?
Helmut Klotz: Ich bin dazu gekommen wie der Blinde zur Ohrfeige. Werner Sander, der Gründer des Synagogalchors, hatte immer sehr gute Solisten, darunter als Tenor immer der Westberliner Kantor Leo Roth. Im November 1969 sollte es im Gedenken der Reichskristallnacht ein Konzert in Dresden geben. Roth fiel aus und ich bin eingesprungen. Nach einigen Widerständen meinerseits. Denn ich hatte mir gerade einen Namen gemacht als Evangelist in den Bach-Passionen in der Thomas- und in der Kreuzkirche. Und dieses Repertoire war mir völlig fremd. Dann hat Sander mir Synagogalmusik vorgespielt, und das hat mich so fasziniert, dass ich bis tief in die Nacht mit ihm gearbeitet habe. Am nächsten Tag habe ich fünf von acht Partien gesungen.

Und die Leitung?
War auch Zufall. Geschah zumindest ohne mein Zutun. Eigentlich hatte ich dem Präsidenten des Verbandes der Jüdischen Gemeinden in der DDR nach dem Tod Sanders 1972 einen Korb gegeben. Aber nach einem Interview war eine Pressemeldung in der Welt, von der ich selbst erst durch einen Hamburger Freund erfahren habe. Der fragte mich am Telefon, ob ich nun völlig größenwahnsinnig geworden sei, Sanders Erbe anzutreten. Tatsächlich hatte ich ja nie vorher dirigiert, konnte das auch gar nicht. Aber da diese Personalie nun einmal in der Welt war, dachte ich: Du musst das jetzt ein Jahr lang machen, damit jeder sieht, dass du das auch kannst, und dann ist es gut.
Jetzt sind es 35 Jahre geworden …

Was hat Sie so lange bei der Stange gehalten?
Die Musik und das Thema haben mein Leben geprägt. Etwas zu erhalten, das faschistischer Rassenwahn ausrotten wollte, ist eine große Aufgabe. Ich habe Morddrohungen erhalten und viel Ehre erfahren. Eine künstlerische Aufgabe ist auch in schwierigen Zeiten ein Kraftquell.

Wie sieht das Repertoire aus?
Es besteht aus zwei Einheiten: Die synagogalen Gesänge der großen deutschen und osteuropäischen Tradition der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bis zur Machtergreifung. Und Bearbeitungen vor allem jiddischer Folklore.

Gibt es auch Neues?
Natürlich. Zum Geburtstagskonzert beispielsweise singen wir eine Uraufführung: Friedbert Groß` 23. Psalm “Adonai, ro`i lo ächsar” – Der Herr ist mein Hirte. Auch Werke von Bloch, Dorfmann, Thiele, Osborne und anderen jüngeren Komponisten haben wir im Repertoire, das sich ständig erweitert.

Viele Laienchöre klagen über Nachwuchsmangel – Sie auch?
Eigentlich nicht. Ich brauche eine Stärke von 26 Sängerinnen und Sängern, und wir sind immer so um die 30. Auf der ganzen Welt gibt es kein anderes Ensemble, das dieses Repertoire pflegt und sich ausschließlich aus Nichtjuden zusammensetzt. Das ist politisch nicht immer ganz einfach gewesen, wurde aber schon zu DDR-Zeiten immer wieder von wichtigen Persönlichkeiten als hilfreich erkannt. Die DDR unterhielt ja keine diplomatischen Beziehungen zu Israel, da war es wichtig, internationalen Gästen in unseren Messekonzerten zeigen zu können: Wir kümmern uns auch um diese Kultur. So galt die Mitgliedschaft im Synagogalchor auch als kulturpolitische Arbeit. Man konnte reisen, und dafür wurde man sogar von der Arbeit freigestellt.

Das ist heute wohl nicht mehr so.
Nein, das ist nicht mehr so. Die Leute bringen ihren Urlaub ein, was ein großes Opfer ist – aber nicht als solches empfunden wird.

Wie oft proben Sie?
Immer dienstags zwei Stunden ohne Pause. Dazu kommen Sonderproben vor Konzerten. Dabei geht es sehr streng zu. Denn ohne knallharte Führung gibt es keine Leistung. Dafür, das die Chormitglieder das ohne Murren mittragen, bin ich unendlich dankbar.

Wie viele Konzerte gibt der Synagogalchor ungefähr im Jahr?
Mindestens 20 und höchstens 30.

Bei den Konzerten sind Sie nicht nur Dirigent, sondern auch als Vorsänger tätig. Eigentlich wollten Sie mit dem Singen 2006 aufhören…
Ja, und irgenwann muss ich es wohl wirklich tun. Ich mache jetzt noch unsere Polen-Tournee in der Doppelfunktion mit, die physisch wirklich an den Grenzen geht. Und dann ist wohl Schluss. Anderseits ist aber gerade diese Doppelfunktion sehr wertvoll: Sie ermöglicht eine tiefe Einheit im künstlerischen Ausdruck. Man hört ganz anders aufeinander, kann viel weiter zur Musik und ihrem Inhalt eindringen.

(Leipziger Volkszeitung)

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