26. April 2004. “Klanggewalt im Kirchenschiff”

Der Leipziger Synagogalchor begeisterte in der Thomaskirche

ERFURT (cg). Die 24 Sängerinnen und Sänger des Leipziger Synagogalchores begeisterten in der Thomaskirche durch eine Kraft der Stimmen, die den Kirchenraum zum Klingen brachte. Die makellose Intonation wies den Chor als Spitzenensemble aus.

Das Programm begann mit Werken der Synagogaltradition, an der Orgel begleitet von Clemens Posselt. Der warme Klang der romantischen Rühlmann-Orgel ergänzte die Gestaltung der vertonten Psalmen authentisch. In die Rolle des Vorsängers teilten sich überzeugend Bariton Jürgen Kurth und Tenor Helmuth Klotz, letzterer souverän zwischen Solistenpart und Dirigat wechselnd.
Emanzipierten deutschen Juden wie Lazar-Louis Lewandowsky und Samuel Naumburg verdanken wir die Einbeziehung von Frauenstimmen in den synagogalen Gottesdienst, die Sopranistin Antje Perscholka unterstrich mit ihrer einfühlsamen Stimme die Richtigkeit dieser Entwicklung.
Der 1962 von Oberkantor Werner Sander gegründete, seit 1972 von Helmuth Klotz geleitete Leipziger Synagogalchor stellt sich der anspruchsvollen Aufgabe, synagogale Musik des 19. und 20. Jahrhunderts sowie jiddische und hebräische Folklore zu erhalten und zu pflegen. So wird auch die Tradition des Wechselgesanges zwischen Chor und Vorsänger gewahrt.
Für den zweiten Konzert-Teil verließ der Chor die Orgelempore, um auf den Altarplatz mit dem Flügel zu musizieren. In den hebräisch-jiddischen Scherz- und Klageliedern entstand vor dem Hörer die im Holocaust zerstörte Welt des osteuropäischen “Stedl”.
Der Chor bestach durch Präzision und Differenzierung, virtuos am Flügel von Clemens Posselt begleitet. Die Folkloretitel erklangen in speziellen Bearbeitungen von Werner Sander. Dass man an die Qualität bester DDR-Chormusik erinnert wurde, ist kein Zufall. Durch seine umfangreiche Konzerttätigkeit im In- und Ausland entwickelte sich der Synagogalchor in den letzten Jahrzehnten zu einem Ensemble von internationalen Rang. Das zudem in Europa einzigartig ist, als es sich ausschließlich aus nichtjüdischen Sängerinnen und Sängern zusammensetzt, die aus unterschiedlichen Berufen kommen. Um so erstaunlicher die Farbigkeit des Chorklanges bei der an Reib- und Zischlauten so reichen Sprache wie den Hebräischen. Leider erschlossen sich diese Kostbarkeiten nur den wenigen sprachkundigen Besuchern der jüdischen Landesgemeinde, da weder ein Programm vorlag, noch mündliche Erläuterungen gegeben wurden. Für alle anderen blieb nichtsdestotrotz ein Konzerterlebnis von ungewöhnlicher Klangbracht.

(Thüringer Allgemeine)

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