14. März 2002. “Seltene Pflege der Folklore”

Synagogalchor in Wichernkirche

Bad Oeynhausen (sto). Es war nicht nur für die evangelische Wicherngemeinde ein besonderes Ereignis, den Leipziger Synagogalchor zu Gast zu haben. Zum ersten Mal waren in der Kurstadt 24 Sänger zu hören, die sich der Pflege sowohl der Gesänge der Synagoge aus dem 18. bis 20. Jahrhundert als auch der jiddischen und hebräischen Folklore verschrieben haben.Die Zuhörer in der vollbesetzten Kirche bekamen Chormusik vom Feinsten dargeboten: Das von Helmut Klotz geleitete Ensemble aus der Messestadt überzeugte mit seinem zweiteiligen Programm durch Intonation, Artikulation undhomogenen Chorklang seiner in allen Stimmgruppen bestens disponierten Sänger.
Bereits die Klänge des “Ma tauvu” versetzten die Zuhörer in die Klangwelt der Synagoge des 19. Jahrhunderts. Die Darstellung der überwiegend von Louis Lewandowski geschaffenen Gesänge, die den Hörer vor allem durch die Tiefe des Ausdrucks gefangen nehmen, gerieten meisterhaft. Die Sopranistin Marita Posselt setzte in dem Stück “Sissi W’ssimchu” eine Stimme voll Leuchtkraft und zu Herzen gehender Wärme ein; die Altistin Norina Narewski gefiel in der Psalmvertonung “Taurass adaunoj” durch die Gestaltung des Soloparts.
Die Krönung dieser solistischen Wechselgesänge war zu erleben, wenn der Leiter des Ensembles, Kammersänger Helmut Klotz, die Tradition der jüdischen Kantoren lebendig werden ließ und aus dem Dirigat heraus die solistischen Einwürfe souverän interpretierte.
Auch im zweiten Teil des Programms, das den Hörer in die versunkene Welt des osteuropäischen “Stedl” entführte, faszinierte der Chor durch Präzision und differenzierte Darstellung. Ob Scherzlied oder Klage, Liebeslied oder Genreszene (“Oif’m Pripitschek”), die Choristen boten zusammen mit Ulrich Vogel als virtuosen Partner am Klavier einen reizvollen Querschnitt durch die jiddische und hebräische Folklore in ansprechenden Arrangements. Dem begeistert applaudierenden Publikum gewährten die Sänger nach dem Schlußpunkt das “Hava nagila” noch eine a cappella vorgetragene Zugabe.

(Westfalen-Blatt)

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