11. März 2002. “Woche der Brüderlichkeit: Leipziger Synagogalchor sang in St. Marien”

Makellose Intonation der Stimmen

Herford (HK). “Abel, steh auf, damit es anders anfängt zwischen uns allen”, diese Worte von Hilde Domin standen als Motto über dem festlichen Konzert des Leipziger Synagogalchores am Samstagabend in der Marienkirche Stift Berg. Der Chor, der unter der Leitung seines Dirigenten Helmut Klotz schon zum zweiten Male in Herford auftrat, begleitete die fünfzigste Wiederkehr der “Woche der Brüderlichkeit” – ein schönes Jubiläum.

Die 24 Sängerinnen und Sänger des Chores, gleich stark in den Männer- wie in den Frauenstimmen, überzeugten durch die Kraft und Reinheit ihrer Stimmen sowie eine makellose Intonation. Der erste Teil des Programms umfasste Musik der Synagoge. Die Harmonisierungen der Melodien stammen aus dem 19, Jahrhundert und verdankten offensichtlich em großen Felix Mendelssohn-Bartholdy viel; einige Anfänge klangen aber auch an Händel an, so zum Beispiel das “Tauras adaunoj”, dessen Beginn an Händels “Largo” erinnert. Die Tenorpartien übernahm der Dirigent selbst, ohne dabei die Hinweise für die Einsaätze des Chores aus dem Sinn zu verlieren.
Besonders ergreifend klang ein Abendgebet von Louis Lewandowski, das in zartesten Tönen beginnt und in kräftiger Zuversicht endet. Dieses Lied sang Norina Narewski, Alt oder besser Mezzosopran. NAch dem fröhlichen “Sissu w’ssimcho”, einem Lied zum Thorafreudenfest, das Marita Posselt mit ihrer schönsten Sopranstimme virtuos gestaltete, juckte es einem in den Händen zum klatschen.
Zur Begleitung jiddischer und hebräischer Folklore wechselte Ulrich Vogel im zweiten Teildes Konzerts zum Klavier über und zeigte, dass er an diesem Instrument ein wahrer Virtuose ist. Allerdings hatte das Klavier in der halligen Akustik der Marienkirche seine Schwierigkeiten, zu Gehör zu kommen. Die Themen der Lieder drehten sich um Liebe und Sehnsucht junger Madchen, aber auch um den Alltag jüdischen Lebens in der Diaspora.
Richtig sprachkritisch wird es in einem Lied, das, mit Worten des Textblattes “vom Bedeutungsunterschied der Speisen bei Reich und Arm erzählt: Brot ist hier feines Gebäck, dort verdorrte Kruste, Fleisch entweder Geflügel oder nur Lunge und andere Innereien, Fisch hier gefüllter Hecht, dort gewässerter Hering und Nachtisch feinste Leckereien oder ‘gehackte Zoresß’ – Sorgen!”
Die zahlreich erschienenen Zuhörer spendeten reichlich Beifall und veranlaßten den Chor zu einer Zugabe.

Gerd Büntzly (Westfalen-Blatt)

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