19. Juni 2001 “Stehender Beifall für gesanglichen Hochgenuss”

Für Frieden und Toleranz: Synagogalchor aus Leipzig beeindruckte bei Auftritten in Hohentengen und Erzingen

Hohentengen/Erzingen (gt) Es war mit Sicherheit ein Höhepunkt im kulturellen Leben der Region : Der Auftritt des Leipziger Synagogalchores in den katholischen Kirchen in Erzingen und Hohentengen.Der durch seine internationale Konzerttätigkeit bekannte Chor und die Solisten unter der Leitung von Helmut Klotz begeisterten das Publikum mit einer Musik, die man sonst wenig und hier in ausgezeichneter künstlerischer Qualität erleben konnte: Synagogalmusik und jiddische und hebräischer Folklore. Stehende Beifallskundgebungen dankten für einen gesanglichen Hochgenuss: stimmlich eindrucksvoll, perfekt in seiner Mehrstimmigkeit, spannend durch die Dynamik und Rhythmik.

Der 1962 von Werner Sander gegründete Chor wird seit 1972 von Konzertsänger Helmut Klotz geführt. Die über 20 nichtjüdischen Sängerinnen und Sänger unterschiedlichsten Alters und aus den verschiedensten Berufen haben es sich zur Aufgabe gemacht, die synagogale Musik des 19. und 20. Jahrhunderts und jiddische und hebräische Folklore als besonders wertvolle Bestandteile des jüdisch-kulturellen Erbes zu erhalten und zu pflegen. Der Chor gastiert heute in Konzerthäusern, Synagogen und auf Festivals zu jüdischer Musik und Kultur in der ganzen Welt.

Auch in der “Provinz”
Die “Hobbysänger” des Chores treten zusammen mit professionelle Solisten auf. An den Hochrhein kam man durch einen Zufall. Vor gut einem Jahr trafen beim 90. Geburtstag seiner Schwiegermutter der in Hohentengen-Herdern lebende Opernsänger Rolf Haunstein, Solist des Chores, Dirigent Helmut Klotz und Bürgermeister Benz zusammen und man kam ins Gespräch über den Chor, die Musik und Kultur auf dem Lande. Warum nicht auch einmal ein Auftritt in der “Provinz”? Helmut Klotz war angetan von der Idee. Dank großzügigem Sponsoring aus der Geschäftswelt, dem Kulturetat des Kreises und des Landes ließ er sich auch verwirklichen.

Ganz im Sinne des Chores stand nicht nur der musikalische Genuss im Vordergrund, sondern auch das humanistische Grundanliegen von Frieden und der Toleranz gegenüber Ausländern und Andersdenkenden. Pfarrer Werner Tröndle ging in seiner Begrüßung in der Erzinger Kirche besonders auf das Verhältnis der katholischen Kirche zum Judentum ein, das noch heute trotz der Vorgaben des
2. vatikanischen Konzils von Vorurteilen geprägt ist. Gegen Gleichgültigkeit und Intoleranz sprach sich Klettgaus Bürgermeister Volker Jungmann aus, der in der Veranstaltung auch ein politisches Signal setzen wollte. Mehr Verständnis füreinander zu schaffen, auch dazu sollte die Veranstaltung dienen.

Was man musikalisch erleben konnte, war eindrucksvoll. Im ersten Konzertteil (von der Empore) stand die Synagogenmusik im Mittelpunkt, die eine Jahrhunderte lange Tradition hat: ernst, getragen, huldigend, inbrünstig. Kunstvoll der Wechselgesang zwischen Vorsänger und Chor, teils in Begleitung der Orgel, einfühlsam gespielt von Organist Ulrich Vogel. Jede Solistenstimme war ein Genuss: Die volle, tiefe Stimme von Rolf Haunstein, die wunderbar warme Stimmlage der Altistin Cornelia Entling, der einfühlsame Tenor von Helmut Klotz, dies im wogenden Zusammenspiel mit dem Chor sei es als Auftakt, Echo, Antwort auf die Vorsänger oder unterstreichender Hintergrund.

Abschluss lebensfroh
Trotz manch ungewohnter dissonanter Klänge ergab sich stets eine wunderbar harmonische Vielstimmigkeit. Voll aus dem diesseitigen Leben schöpfen die jiddischen und hebräischen Volksweisen ihren Reichtum. Ihnen war der zweite Konzertteil (jetzt im Chorraum) gewidmet. Fröhlich, verschmitzte Scherzlieder, ironische Anekdoten, die Sehnsucht nach Liebe: Kleine Geschichten mit Herzwärme musikalisch umgesetzt. Lebensfroh der Abschluss ” Horra banechar”, geführt mit leichter Hand am Klavier von Ulrich Vogel: Aufforderung Trübsal und Kummer zu vergessen und fröhlich die Hora im fremden Land zu tanzen.

Anhaltender Beifall, stehend entgegengebracht forderten nach einer Zugabe, ehe Chor, Dirigent und Solisten unter Beifall hinausbegleitet wurden. An die 500 Zuhörer in der gut besetzten Erzinger Kirche und gut 100 Zuhörer in Hohentengen hatten das einmalige Konzert miterlebt, das an eine einst auch hier lebendige jüdische Tradition erinnerte. Das Benefizkonzert in der St. Maria Kirche brachte für den Neubau der Hohentengener Orgel 1500 Mark ein.

(Alb Bote, Kreis Waldshut)

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