15. September 1998. “Perfekt in Ton und Farbigkeit”

Leipziger Synagogalchor ruft lange Tradition ins Bewußtsein

DORSTEN. Nicht zum ersten Mal erklang synagogale Musik in Dorsten. Zum Jubiläum des jüdischen Museums lag der musikalische Hauptakzent auf dem Sologesang, stellten renommierte Kantoren ihre Kunst unter Beweis.

Am Samstag gestaltete der Synagogalchor unter Leitung von Tenor Helmut Klotz mit der Altistin Ulrike Helzel, dem Bariton Rolf Haunstein und Ulrich Vogel an der Orgel einen Konzertabend in der Kirche des Ursulinenklosters, der einen stärkeren Akzent im Bereich mehrstimmiger Chormusik setzte.
Die Geschichte der jüdischen Kultmusik ist nicht weniger komplex als die meisten anderen Formen gottesdienstlicher Musik. Synagogale Chormusik ist vornehmlich ein Resultat später neuteitlicher Strömungen in Mittel- und Westeuropa. Name jüdischer Familien wie Mendelssohn und Meyerbeer stehen für Bestrebungen, sich dem Zeitgeist nicht zu entziehen und zeitgenössische Musik zuzulassen. Besonders Samuel Naumbourg und Lazar – Louis Lewandowski waren um den Ausgleich zwischen Tradition und Zeitgeist bemüht.
Der nur 22 Personen starke Synagogalchor Leipzig, der neben der gottesdienstlichen Musik auch jiddische und hebräische Folklore vorstellt, präsentierte sich als echter Profi-Chor.
In der nicht eben üppigen Akustik der kleinen Ursulinenkirche, bestachen die Sängerinnen und Sänger durch Intonationssicherheit und Stabilität.
Wenn die feinfühlige Orgelbegleitung von Ulrich Vogel nach längeren Pausen wieder einsetzte, stimmte — und das ist selbst bei guten Chören nicht immer der Fall — die Tonlage perfekt. Die Farbigkeit des Chorklange, die bei einer an Zisch- und Reibelauten so reichen Sprache wie dem Hebräischen keine Selbstverständlichkeit ist, war beispielhaft.

In einem ständigen Wechselspiel mit den Solisten, die sich ebenfalls ganz vorzüglich auf die besonderen erfordernisse auf diese Musik eingestellt hatten, gelang das, was sich die Veranstalter zum Ziel gesetzt hatten: Zu pflegen und immer wieder ins Bewußtsein der Menschen zu rufen, was hierzulande einmal eine lang und ehrwürdige Tradition hatte.

bb (WAZ)

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